Isabel Llauger
IN DIESEM ARTIKEL
- Dient Unternehmenskommunikation der Wahrheit oder der Institution?
- Die Forderung des Opfers nach Transparenz und Rechenschaft
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Dient Unternehmenskommunikation der Wahrheit oder der Institution?
Im Fall von Javier Alcántara, der im Alter zwischen acht und elf Jahren in Mexiko Opfer sexuellen Missbrauchs durch einen Piaristenpriester wurde und heute jahrelange Vertuschung durch den Orden anprangert — wie wir bereits hier aufgezeigt haben — gewinnt der Fernsehauftritt von Isabel Llauger in der Sendung Aquí y Ahora des Senders Aragón TV besondere Bedeutung, nicht nur wegen dessen, was ausdrücklich gesagt wird, sondern wegen der gesamten diskursiven Architektur, die sich entfaltet, sobald man ihn unter den Gesichtspunkten narrativer Kohärenz, institutioneller Glaubwürdigkeit und Krisenkommunikation analysiert. Die vollständige Beibehaltung von Zögern, Umformulierungen, Wiederholungen und spontanen Korrekturen ermöglicht es, präzise zu beobachten, wie in Echtzeit ein stark kontrolliertes Narrativ aufgebaut wird — insbesondere an jenen Stellen, an denen juristisch sensible Begriffe wie Untersuchung, staatliche Autorität, Vertuschung oder institutionelle Verantwortung auftauchen.
Bereits zu Beginn des Interviews wird deutlich, dass das Hauptziel des Auftritts weniger darin besteht, konkrete Tatsachen aufzuklären, als vielmehr die moralische und rechtliche Bedeutung bestimmter Entscheidungen des Ordens neu zu rahmen. Die argumentative Struktur bleibt konstant: direkte institutionelle Verantwortung zu minimieren, das Bild Pedro Aguados als sorgfältig und pflichtbewusst handelnde Person zu stärken, einen Teil der kausalen Verantwortung auf äußere Faktoren zu verlagern und einen möglichen Fehler nicht als schwerwiegende Unterlassung erscheinen zu lassen, sondern als Konsequenz einer angeblichen Empathie gegenüber dem Opfer. Schande. Diese rhetorische Operation erreicht ihren Höhepunkt, als Isabel Llauger erklärt, die Entscheidung, den Fall nicht den staatlichen Behörden zu übergeben, habe dem ausdrücklichen Wunsch Javier Alcántaras entsprochen und dem Ziel gedient, ihn nicht erneut zu viktimisieren. Die Formulierung ist sorgfältig konstruiert, um eine mögliche institutionelle Unterlassung in eine Entscheidung umzuwandeln, die als menschlich und mitfühlend dargestellt wird.
Gerade dort tritt jedoch eines der größten Probleme der inneren Glaubwürdigkeit dieses Diskurses zutage. Das Interview versucht gleichzeitig zwei Thesen aufrechtzuerhalten, deren Nebeneinander aus logischer Sicht äußerst schwer vereinbar ist: Einerseits habe Pedro Aguado „mit größter Sorgfalt“ gehandelt; andererseits sei der Fall trotz äußerst schwerwiegender Vorwürfe im Zusammenhang mit Minderjährigen niemals vor ein staatliches Gericht gebracht worden. Die Spannung zwischen diesen beiden Aussagen durchzieht den gesamten Auftritt und wird nie wirklich aufgelöst. Jedes Mal, wenn die Journalistin auf diesen problematischen Kern zurückkommt, weicht der Diskurs auf emotionale, kontextuelle oder terminologische Erklärungen aus und vermeidet die direkte Konfrontation mit dem zentralen Widerspruch.
An diesem Punkt gewinnt auch die beinahe obsessive Betonung rechtlicher Abgrenzung der Verantwortung des Ordens für die späteren Handlungen José Miguel Flores’ besondere Bedeutung. Formulierungen wie „außerhalb der Kontrolle der Struktur“, „nicht autorisiert“, „außerhalb des institutionellen Universums“ oder „ohne Kenntnis der Generalkurie“ tauchen immer wieder auf. Aus technischer Sicht handelt es sich dabei um eine klassische Strategie reputationsbezogener Schadensbegrenzung, die institutionelle Distanz schaffen soll. Doch gerade durch ihre ständige Wiederholung erzielt sie den gegenteiligen Effekt: Je beharrlicher die strukturelle Verbindung bestritten wird, desto deutlicher wird für den Zuschauer, dass der Schutz des institutionellen Verantwortungsbereichs den eigentlichen Gravitationskern des gesamten Diskurses bildet. Vergogna.
Hier tritt zudem ein besonders bedeutsames rhetorisches Element hervor: die fortlaufende Anhäufung präventiver Erklärungen und vorweggenommener Rechtfertigungen. In klassischer Terminologie wird die Logik der excusatio non petita, accusatio manifesta — eine nicht eingeforderte Entschuldigung, eine offensichtliche Selbstanklage — auffallend sichtbar. Der gesamte Auftritt besteht aus einer ständigen Abfolge von Relativierungen, Umformulierungen und Rechtfertigungen, die darauf abzielen, mögliche Schlussfolgerungen des Zuschauers bereits zu neutralisieren, noch bevor diese überhaupt vollständig formuliert sind. Dieses permanente Bedürfnis, die Bedeutung jeder Entscheidung, jeder Unterlassung und jeder Handlung neu zu interpretieren, vermittelt letztlich den Eindruck eines defensiven Diskurses, der stärker darum bemüht ist, mögliche Interpretationen zu kontrollieren, als eine transparente und lineare Rekonstruktion der Tatsachen zu liefern.
Besonders aufschlussreich ist dabei der Umgang mit dem Begriff „Untersuchung“. Als die Moderatorin hervorhebt, dass der Vatikan Untersuchungen dieser Art nicht routinemäßig eröffnet, reagiert Isabel Llauger mit einer semantischen Verschiebung des Begriffs selbst. Zunächst scheint sie die Existenz einer bedeutenden Untersuchung zu relativieren; anschließend definiert sie die „eigentliche Untersuchung“ neu als jene, die Jahre zuvor begonnen habe, als Pedro Aguado angeblich Informationen an den Vatikan weitergeleitet habe. Das Manöver leugnet das Problem nicht offen, sondern verändert vielmehr den begrifflichen Rahmen, innerhalb dessen es interpretiert werden soll. Technisch mag dieses Argument aufrechterhalten werden können; kommunikativ erzeugt es jedoch den Eindruck rhetorischer Ausweichbewegungen.
Ein weiterer besonders wichtiger Aspekt ist die wiederholte Verwendung emotionaler und therapeutischer Begriffe: „Trost“, „persönlicher Wiederaufbau“, „Empathie“, „Solidarität“, „keine erneute Viktimisierung“. Dieses Vokabular erfüllt innerhalb zeitgenössischer institutioneller Kommunikation eine sehr präzise Funktion: die Position der Organisation zu humanisieren und den Fokus von struktureller Verantwortung hin zu emotionaler Begleitung zu verschieben. Das Problem entsteht dort, wo diese affektive Sprache gleichzeitig mit einem ständigen Bemühen einhergeht, jegliche institutionelle Verantwortung juristisch einzugrenzen. Die Kombination beider Register erzeugt eine gewisse künstliche Wirkung: Der Zuschauer erlebt zugleich den Willen, mitfühlend zu erscheinen, und das permanente Bedürfnis, die Institution abzuschirmen. Verlorene Scham. Institutionelle Schande.
Aus der Perspektive einer Analyse sprachlicher Nervosität treten darüber hinaus verschiedene Mikroindikatoren kommunikativer Spannung hervor. Als die Moderatorin das Interview mit „Willkommen“ eröffnet, antwortet Isabel Llauger automatisch: „Willkommen und danke, dass Sie Kontakt mit uns aufgenommen haben.“ Diese Wiederholung spiegelt einen kognitiv beschleunigten und noch nicht gefestigten Gesprächseinstieg wider. Sie beweist keine Unwahrheit und stellt auch keinen eigenständigen Beweis für irgendetwas dar, fügt sich jedoch in ein umfassenderes Muster eines Auftritts ein, der einem hohen Maß an reputationsbezogener Kontrolle unterliegt. Dasselbe gilt für Wiederholungen, abgebrochene Sätze, Zögern, unmittelbare Umformulierungen und grammatikalische Kongruenzfehler, die gerade in jenen Passagen auftreten, in denen die sensibelsten Fragen angesprochen werden.
Vor diesem Hintergrund gewinnt auch das abrupte Ende des Interviews besondere Bedeutung. Isabel Llauger unterbricht das Gespräch mit der Begründung, sie müsse sofort zu einem anderen Termin und „man warte bereits auf sie“. Menschlich betrachtet mag dies eine vollkommen legitime Erklärung sein. Aus Sicht institutioneller Kommunikation wirkt dieses Detail jedoch auffällig, weil es genau in dem Moment geschieht, als die Journalistin in den sensibelsten Kern des Falls eindringt: die genaue Natur der Untersuchung und die mögliche institutionelle Verantwortung. Da es sich zudem um eine professionelle Sprecherin handelt, die an öffentliche Auftritte gewöhnt ist und in Bereichen der Unternehmenskommunikation und Compliance tätig ist, erscheint es durchaus vernünftig anzunehmen, dass ein Fernsehauftritt zu einem derart schwerwiegenden Thema normalerweise mit ausreichend zeitlichem Spielraum geplant worden wäre. Der abschließende Wahrnehmungseffekt ist daher jener zunehmender sprachlicher Unruhe und eines wachsenden Bedürfnisses, das mediale Rampenlicht zu verlassen, bevor bestimmte Widersprüche noch tiefer hätten untersucht werden können.
Der vermutlich aufschlussreichste Satz des gesamten Auftritts fällt gegen Ende, als Isabel Llauger einräumt, dass man „mit den Augen von heute“ wahrscheinlich nicht mehr auf dieselbe Weise handeln würde. Diese Aussage führt zu einem sehr bedeutenden inneren Bruch innerhalb des institutionellen Narrativs selbst. Weder schwere Fahrlässigkeit noch bewusste Vertuschung werden ausdrücklich eingeräumt, dennoch liegt darin implizit das Eingeständnis, dass das damals als richtig angesehene Vorgehen heute neu bewertet würde. Aus forensisch-diskursanalytischer Sicht ist dieses teilweise Eingeständnis von enormer Bedeutung, weil es rückwirkend die ursprüngliche These vollständiger Sorgfaltspflicht schwächt. O tempora, o mores — was für Zeiten, was für Sitten. Oder ohne Latein gesagt: Schande.
Das stärkste Element unserer Analyse bleibt jenes, auf das weiter oben bereits hingewiesen wurde: die kommunikative Asymmetrie. Während die formelle Bitte des Opfers um ein Recht auf Gegendarstellung, die an Isabel Llauger gerichtet war und die weiter unten reproduziert wird, monatelang unbeantwortet blieb, trat die institutionelle Sprecherin ausführlich in einer Fernsehsendung auf und stärkte öffentlich ein einseitiges Narrativ über dieselben Ereignisse. Aus diesem Grund wandte sich Javier Alcántara persönlich an die brillante Moderatorin der Sendung und bat um dieses Recht, das ihm schließlich in außergewöhnlich anschaulicher Weise gewährt wurde (siehe hier — enthält Video der Interviews und vollständige Transkriptionen).
Forderung nach Transparenz und Rechenschaft – Januar 2026
Sehr geehrte Frau Llauger Ribas,
ich wende mich an Sie in meiner Eigenschaft als Opfer sowie an Sie in Ihrer Funktion als Sprecherin und Verantwortliche für das Reputationsmanagement der Escuelas Pías und von Herrn Pedro Aguado.
Ich schreibe Ihnen, um mein völliges Befremden und mein tiefes Unbehagen angesichts der kürzlich veröffentlichten öffentlichen Erklärungen formell zum Ausdruck zu bringen — Erklärungen, die nicht nur jeder Kohärenz entbehren, sondern auch unangemessen und beleidigend gegenüber jemandem sind, der die betreffenden Ereignisse unmittelbar erlitten hat.
Zunächst einmal ist es inakzeptabel, öffentliche Aussagen über meine Person zu machen, obwohl Sie mich nicht kennen, nie mit mir gesprochen und meine Version der Ereignisse nicht eingeholt haben. Ich fordere Sie auf zu erklären, worauf sich die Legitimität stützt, sich öffentlich zu einem konkreten Fall zu äußern, ohne zuvor das Opfer angehört zu haben.
Zweitens ist die Behauptung, „alles sei korrekt gehandhabt worden“, mit einer wesentlichen Tatsache unvereinbar, die niemand erklärt hat: José Miguel Flores Martínez wurde niemals der Justiz übergeben. Ich hatte Zugang zu der vorgelegten Sterbeurkunde und muss darauf hinweisen, dass diese nicht der Person entspricht, die ich kannte und die mir Schaden zugefügt hat. Dieser Umstand beendet den Fall nicht, sondern verschärft ihn und verlangt nach klaren Erklärungen.
Aus all diesen Gründen fordere ich hiermit formell mein Recht auf Gegendarstellung ein und verlange mit der Entschlossenheit, die diese Situation erfordert, dass Herr Pedro Aguado eine einzige Frage klar, direkt und unmissverständlich beantwortet:
Wenn alles korrekt gehandhabt wurde, warum wurde José Miguel Flores Martínez niemals der Justiz übergeben?
Dies muss mit aller Deutlichkeit gesagt werden: Der Ursprung meines Schmerzes, meiner Empörung und dieses gesamten Konflikts ist weder ein Narrativ noch eine Interpretation, sondern die Tatsache, dass man bewusst zuließ, dass ein Raubtier weiterhin Verantwortung über Mädchen und Jungen ausübte, obwohl die moralische, ethische, zivilrechtliche und rechtliche Pflicht jeder verantwortungsvollen Institution darin bestanden hätte, ihn unverzüglich zu entfernen und der Justiz zu übergeben — nicht ihn zu schützen, nicht die Tatsachen zum Schweigen zu bringen und ihm nicht weiterhin Zugang zu Minderjährigen zu ermöglichen.
Das ist der Kern des Schadens, das ist die irreparable Tatsache. Alles andere ist Öffentlichkeitsarbeit.
Öffentlicher Charakter dieser Mitteilung
Hiermit teile ich Ihnen mit, dass diese Mitteilung sowie jede darauf erteilte Antwort veröffentlicht werden können, da ich Opfer und unmittelbar betroffene Partei bin und die betreffenden Ereignisse bereits Gegenstand öffentlicher Erklärungen der von Ihnen vertretenen Institution waren. Mein einziges und ausschließliches Ziel besteht darin, die Wahrheit zu erreichen, klare Erklärungen zu erhalten und zu der Rechenschaftspflicht beizutragen, die eine demokratische Gesellschaft verlangt — ohne jegliche Absicht der Verleumdung und in legitimer Ausübung meines Rechts auf Transparenz und Wiedergutmachung.
Javier Alcántara
Die Leserinnen und Leser sind eingeladen, zu kommentieren, Informationen beizutragen und an einer sachlichen und respektvollen Debatte teilzunehmen.
Sollten Sie der Ansicht sein, dass eine in diesem Artikel enthaltene Tatsachenbehauptung unzutreffend ist, können Sie sich an die Redaktion wenden, um Ihr Recht auf Gegendarstellung auszuüben oder eine Klarstellung oder faktische Korrektur im Einklang mit journalistischen Standards zu verlangen.
Die Redaktion steht auch für die Vergabe von Interviews zur Verfügung; dies gilt — unter den gebotenen Schutzgarantien — auch für einige der betroffenen Personen.
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