Javier Cremades, Präsident der World Jurist Association und Gründer der spanischen Anwaltskanzlei Cremades & Calvo-Sotelo, spricht am Rednerpult des World Law Congress vor dem Logo der World Jurist Association, flankiert von Nationalflaggen.
In den ersten beiden Teilen dieser Serie wurden die Fragen gestellt und der Gegensatz zwischen öffentlichem Diskurs und tatsächlichem Handeln herausgearbeitet. In diesem dritten Teil geht es um das Wie: wie eine juristische Verfolgung gegen einen investigativen Journalisten ausgelöst, organisiert und über längere Zeit aufrechterhalten wird, wenn dessen Arbeit mächtige Institutionen stört. Es geht nicht um Theorie, sondern um konkrete Mechanismen.
1. Der Einstiegspunkt: Kriminalisierung der Recherche
Der erste Schritt besteht nicht darin, auf die veröffentlichten Informationen zu reagieren, sondern den Konflikt vom journalistischen in den strafrechtlichen Raum zu verlagern. Eine Strafanzeige — selbst wenn sie letztlich keinen Erfolg hat — erfüllt eine unmittelbare Funktion: Sie kehrt die Rollen um. Der Journalist ist nicht länger derjenige, der Fragen stellt, sondern derjenige, der sich verteidigen muss. Zeit, Ressourcen und Aufmerksamkeit werden von den recherchierten Sachverhalten auf den Informanten selbst gelenkt.
Diese Verlagerung ist entscheidend: Sie verwandelt eine öffentliche Debatte in ein persönliches Problem und schafft ein Klima des Misstrauens, das auch ohne Verurteilung wirkt. Die implizite Botschaft ist nicht juristisch, sondern kulturell: Recherche hat ihren Preis.
2. Wirtschaftlicher Druck als zentrales Instrument
Zur strafrechtlichen Schiene tritt eine Strategie des wirtschaftlichen Drucks hinzu: unverhältnismäßige Forderungen, Pfändungsanträge, Sicherheitsleistungen und Beträge, die kaum ein unabhängiger Journalist tragen kann, ohne seine Existenz zu gefährden. Es ist nicht notwendig, den Prozess zu gewinnen, um das Ziel zu erreichen. Ihn in die Länge zu ziehen genügt.
Das Recht fungiert hier als Zermürbungsinstrument. Jeder Schriftsatz, jedes Rechtsmittel, jede Verfahrenshandlung verursacht materielle und psychische Kosten. Der Effekt wird nicht in Urteilen gemessen, sondern in Erschöpfung.
3. Persönliche Maßnahmen und Abschreckungswirkung
Kommen zusätzlich persönliche Einschränkungen hinzu — etwa Bewegungsbeschränkungen —, wird die Botschaft eindeutig: Der Druck richtet sich nicht nur gegen die veröffentlichte Arbeit, sondern gegen das Leben des Journalisten. Ziel ist es, ein dauerhaftes Gefühl der Unsicherheit zu erzeugen, das zu Schweigen, Selbstzensur oder Rückzug führt.
Solche Maßnahmen betreffen nicht nur den unmittelbar Betroffenen. Sie wirken als Warnsignal an die gesamte journalistische Öffentlichkeit.
4. Das SLAPP-Muster und seine tatsächliche Logik
Diese Gesamtheit von Praktiken entspricht dem international bekannten Muster der SLAPP-Klagen (Strategic Lawsuits Against Public Participation): strategische Gerichtsverfahren, die darauf abzielen, öffentliche Beteiligung zu unterdrücken. Ihr wesentliches Merkmal ist nicht juristische Substanz, sondern ihre abschreckende Wirkung.
Das Muster wiederholt sich:
- Aktivierung des Strafrechts,
- Verstärkung des wirtschaftlichen Drucks,
- Verlängerung der Verfahrensdauer,
- Individualisierung der Kosten.
Das Ergebnis ist nicht Gerechtigkeit, sondern Stillschweigen.
5. Der Kontrast zum Diskurs über den Rechtsstaat
Diese Mechanik erhält besondere Bedeutung im Licht des öffentlichen Diskurses, den Javier Cremades als Präsident der World Jurist Association vertritt. Während der Rechtsstaat als Garant der Freiheit beschworen wird, wird zugleich eine Rechtsanwendung toleriert — oder aktiv betrieben —, die den praktischen Gebrauch dieser Freiheit entmutigt, sobald bestimmte Interessen berührt werden.
Dabei handelt es sich nicht um einen rhetorischen Widerspruch, sondern um einen praktischen Bruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
6. Demokratische Auswirkungen
Wenn investigativer Journalismus auf eine solche Reaktion stößt, steht nicht der Ruf einer Einzelperson auf dem Spiel, sondern das Recht der Gesellschaft auf Information. Die juristische Verfolgung von Journalisten verarmt den öffentlichen Diskurs, schwächt demokratische Kontrollmechanismen und schützt durch Unterlassung das, was eigentlich überprüft werden müsste.
Die abschließende Frage lautet daher nicht, ob der Journalist standhält, sondern was von der Demokratie übrig bleibt, wenn Recherche zu einer Hochrisikoaktivität wird.
Yanelis Tovar. Editor
Wie man diese Serie verfolgt
Diese Recherche erscheint als offene Serie, in der jede Veröffentlichung eine weitere Analyseebene zum Einsatz des Rechts als Druckmittel gegen den investigativen Journalismus hinzufügt. Die bisher veröffentlichten Teile sind:
1. Pressefreiheit unter juristischem Druck: sieben öffentliche Fragen zur Rolle von Javier Cremades und der Kanzlei Pajares
Eine erste öffentliche Intervention. Sieben dokumentierte Fragen, die nicht anklagen, aber dazu zwingen, Stellung zu beziehen — zur Kohärenz, zur Verhältnismäßigkeit und zu den realen Auswirkungen juristischer Maßnahmen gegen einen Journalisten.
👉 https://corruptspanish.church/pressefreiheit-unter-juristischem-druck-acht-offentliche-fragen-zur-rolle-von-javier-cremades-und-der-kanzlei-pajares/
2. Javier Cremades, die World Jurist Association, Santo Domingo und die große Lüge
Der Kontrast zwischen institutioneller Rhetorik über den Rechtsstaat und der juristischen Praxis gegenüber einem Journalisten, der Missstände und Machtmissbrauch untersucht.
👉 https://corruptspanish.church/javier-cremades-die-world-jurist-association-santo-domingo-und-die-grose-luge/
3. Javier Cremades und die Mechanik der juristischen Verfolgung des investigativen Journalismus
Eine detaillierte Analyse des Wie: Strafanzeigen, wirtschaftlicher Druck, persönliche Maßnahmen und kalkulierte Zermürbung. Keine Theorie, sondern eine erkennbare Mechanik mit realen abschreckenden Effekten.
Weitere Teile werden diesem Index hinzugefügt, sobald die Recherche fortschreitet.
Die Leserinnen und Leser sind eingeladen, zu kommentieren, Informationen beizutragen und sich an einer sachlichen und respektvollen Debatte zu beteiligen.
Sollte eine im Artikel enthaltene Tatsachenbehauptung als unzutreffend angesehen werden, kann die Redaktion kontaktiert werden, um das Recht auf Gegendarstellung wahrzunehmen oder eine Klarstellung beziehungsweise faktische Korrektur zu beantragen — im Einklang mit journalistischen Standards.
Die Redaktion steht ebenfalls für Interviews zur Verfügung; dies gilt — unter Wahrung angemessener Schutzmaßnahmen — auch für einige der betroffenen Personen.
Hinweis: Für weiterführende Informationen, Dokumente und Verlinkungen wird empfohlen, die spanische Originalfassung dieses Artikels heranzuziehen.
© Jacques Pintor, 2026. Alle Rechte vorbehalten. Jegliche Vervielfältigung oder Weiterverbreitung ohne vorherige Genehmigung ist untersagt. Kontakt: jacquespintor@gmail.com
#InvestigativerJournalismus #Rechtsstaatlichkeit #Pressefreiheit #SLAPP #ÖffentlichesInteresse #CremadesCalvoSotelo #InstitutionelleTransparenz #Meinungsfreiheit #Pressefreiheit #InvestigativeBerichterstattung